Dinas Tagebuch

Nicht mal Fliegen ist schöner....

Die Zauberschiffe (Liveship-Triology) von Robin Hobb

Ein epochaler Fantasy-Dreiteiler liegt hinter mir und die Zeit, die ich in die insgesamt über 2550 Seiten investiert habe, waren nicht vergeudet. Warum?

Weil es ein episches, gut balanciertes und abwechslungsreiches Stück Fantasy-Geschichte ist.


Inhalt:

Hauptperson ist Althea Vestrit, Tochter des angesehenen Bingtown Kaufmannes Ephron Vestrit. Als ihr Vater stirbt, erbt sie wider Erwarten nicht das Lebensschiff (so die etwas gezwungene deutsche Übersetzung) der Familie, die Vivacia, sondern muss dieses an ihre Schwester Keffria, beziehungsweise ihren Schwager Kyle Haven abtreten. Der missbraucht das Schiff für den Transport von Sklaven und zwingt gleichzeitig seinen Sohn Wintrow, ihn dabei zu begleiten, da ein Liveship immer ein Familienmitglied mit an Bord haben muss.

Während Althea auszieht, um zu beweisen, das sie in der Lage ist, ein Schiff als Kapitän zu befehligen, wird die Vivacia samt Wintrow und seinem Vater vom Piraten Kennit geentert, der kein geringeres Ziel hat, als König der Pirateninseln zu werden.

Gemeinsam mit Brashen Trell, erster Offizier unter ihrem Vater und Amber, einer Holz-Handwerkerin, macht Althea daraufhin das trocken gelegte Liveship Paragon klar, um ihr eigenes Schiff wieder zu bekommen. Paragon steht in dem Ruf, verrückt zu sein und regelmäßig seine Mannschaft umzubringen.

Nebenbei versucht Malta Vestrit, Tochter von Kyle und Keffria, eigene Verbündete zu finden, um ihren Vater zu retten. Als jedoch aufgrund einer Intrige gegen den regierenden Satrap Bingtown von Feinden in Schutt und Asche gelegt wird, flieht sie mit ihrem Bruder und ihrer Mutter den Rain Wild River hinauf zu ihrem Verlobten Reyn Kuphrus. Kurz vor Ausbruch eines Erdbebens befreit sie den Drachen Tintaglia und landet schlussendlich auf einigen Umwegen selbst in der Hand von Piraten.

Reyn macht sich daraufhin mit Tintaglia auf, um Malta zu finden. Höhepunkt ist die Begegnung der beiden Liveships und zwei weiterer Piratenschiffe, einem Knäuel Seeschlangen, dem Drachen und einer Flotte des Satrap.

 

Wenig von dem, was ich hier verraten habe, dürfte etwas vorwegnehmen und den Leser überraschen. Eine der Besonderheiten der Geschichte ist, wie mit Erwartungen an die Handlung umgegangen wird. Während üblicherweise Ahnungen angeschubst werden und der Autor immer wieder versucht, dem Leser klar zu machen, dass es ja auch anders sein könnte, wandelt Hobb sehr schnell Ahnung in Wissen, um dann eine neue Vorausschau anzupicken. Man wurde nie enttäuscht, was mir persönlich ein beruhigendes Gefühl gab, denn die Figuren leiden auch so genug, um nicht auch noch ständig mit unerfüllten Hoffnungen und falsch geleiteten Annahmen konfrontiert zu werden.

Darüber hinaus packt Hobb derartig viel an Antizipation in die Handlung, dass man vieles am Anfang überliest. Der Ausgang von Kennits Begegnung mit einer Seeschlange wird bereits im ersten Kapitel verraten, was ich erst festgestellt habe, als ich nach einer anderen Prophezeiung gesucht habe. Die Geschichte von Paragon, die Althea im ersten Viertel des ersten Buches wiedergibt, musste ich zweimal nachlesen, während sich Paragons Schicksal nach und nach enthüllt. Die Namen von Kennit (= keen) und Brashen (= brash) sowie einigen anderen sind Programm.

Weiterhin interessant ist der Umgang mit Klischees. Das muss man mögen. Hobb zieht alles an üblichen Vorstellungen über Piraten, Segelschiffe, Kaufleute und Drachen innerhalb ihrer mittelalterlich anmutenden Welt konsequent durch, bis zur gestreiften Kleidung der Seeleute und der Piraten-Vorliebe für Tücher. Einzige Ausnahme ist, dass Tintaglia kein Feuer spuckt, sondern Gift haucht, aber selbst das ist keine große Abweichung.

Ich habe inzwischen zuviel Fantasy und auch Abenteuer-Romane gelesen, um mit jedem Klischee klar zu kommen. Hobb schafft es in meinen Augen jedoch, die Balance zu finden, die Figuren aufzubauen und sich entwickeln zu lassen, während das Piraten-, Kaufleute- oder Drachen-Thema den Rahmen bildet. Indem sie nicht krampfhaft versucht, Klischees zu vermeiden, sondern gezielt nutzt, passt sich alles ordentlich in das Gesamtgefüge und dient so dem harmonischen Aufbau.

Ebenfalls gelungen ist die Erzählweise aus verschiedenen Perspektiven, die ich spätestens seit Martins "Lied von Feuer und Eis" lieben gelernt habe. Leider verliert Hobb im letzten Band an ein paar Stellen den Überblick, aus wessen Sicht sie gerade erzählt, aber vielleicht bin ich in der Hinsicht inzwischen auch übermäßig sensibel.


Ich kann nur wenig Kritik üben. Was mich ein wenig gestört hat, ist die sehr lange, sehr intensive Beleuchtung der Situation der Kaufleute von Bingtown. Vor allem, da Hobb es sich hier nicht verkneift, ständig Aussagen und Meinungen zu wiederholen. Ich vermute, dass sie damit die allgemein vorherrschende Verzweiflung und politische Machtlosigkeit des "Trader's Council" unterstreichen wollte, aber irgendwann dachte ich einfach nur noch: "Gut jetzt, ich hab's verstanden!" Es ist der einzige Teil, an der die Handlung zu sehr auf der Stelle tritt, vielleicht beabsichtigt, mich in jedem Fall nervend.

Der zweite, eigentlich noch kleinere Punkt ist der Charakter Brashen. Ich meine, ich verrate jetzt kein Geheimnis, es ist schon ab dem zweiten Kapitel klar, dass er mit Althea in der Koje landet (wortwörtlich, schließlich sind wir die meiste Zeit auf Schiffen!). Was mich ab genau dem Punkt stört, ist seine uneingeschränkte Perfektion als Liebhaber, Kapitän, Freund und Althea-Versteher. Würde er nicht wenigstens ab und zu in depressives Selbstmitleid abrutschen, ich hätte würgen müssen, obwohl ich die Figur an sich sehr mochte. Trotzdem war mir insgesamt Pirat Kennit als hinterlistiger Mistkerl irgendwie lieber.


Also nochmal zusammengefasst: Piraten und Abenteuer, Politik und Intrige, Liebe und Romantik, Gefahr und Rettung in einer herrlichen Fantasy-Welt.

Und jetzt selbst lesen!

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