Let's talk about sex
Eigentlich ist es ein Thema für meinen Alter-Ego-Blog, aber ich konnte es einfach nicht Tom überlassen.
Ich lese gerade einen mittelalterlichen Roman. Insgesamt ist das Buch ganz gut, aber ich habe etwas wesentliches daran auszusetzen. Dabei ist es völlig unerheblich, um welches Buch es konkret geht, denn dieses Buch ist in dieser Hinsicht keine Ausnahme, sondern eher die Regel.
Es geht um das Männerbild im Mittelalter, und um das überaus gestörte Verhältnis der Männer zum Liebesakt.Es beginnt mit einem Burgherren, der die gesamte Weiblichkeit seines Dorfes in sein Bett befiehlt. Das wäre noch nicht ungewöhnlich (oder?), wäre da nicht der gleichzeitige extreme Alkoholmissbrauch, aufgrund
dessen der Kerl nicht einmal mehr gerade auf einem Stuhl sitzen kann. Gut, vielleicht hat er ja einen Tumor im Kopf, der seine Sexualität unnatürlich übersteigert, beziehungsweise überhaupt noch möglich macht.
Abgehakt.
Der nächste Burgherr hat ein den Umständen entsprechend einigermaßen normales Verhältnis zu seiner Gattin, was heißt, er wälzt sich dann und wann auf sie und geht fremd. Aber jeder, also wirklich jeder Ritter oder höhergestellte Verwalter auf dieser Burg nimmt sich Mägde und weibliches Gesinde vor. Bis auf den Heldenstrahleritter und seine drei Freunde, die natürlich weder Etablissements aufsuchen, noch
sonst irgendwie unkeusch werden, sondern eher Minne-mäßig drauf sind. Einer von ihnen hat eine Ehefrau, vermutlich für Blümchensex. Darüber erfährt man ausnahmsweise nichts.
Dann ist da der große böse Gegenspieler des Heldenstrahleritters. Dem reicht es nicht, im Beisein seiner drei Freunde (ja, es sind auch drei) alles zu schänden, was nicht bei drei auf den Bäumen ist, sondern hat auch noch einen ausgeprägten Hang zur Gewalttätigkeit. Gut, vielleicht hat er ja einen Tumor im Kopf, der seine Sexualität unnatürlich übersteigert. Oder er ist als Kind vom Wickeltisch gefallen. So was kommt vor. Am wahrscheinlichsten aber ist es, dass der Grund darin liegt, dass er ohne Vater auswuchs und seine
Mutter nicht in der Lage war, ihn hinsichtlich eines normalen Umgangs mit Frauen zu sozialisieren. (Also, das scheint mir ernsthaft die Erklärung zu sein, die ich aus dem Buch herauslesen soll)
Die Ehemänner wälzen sich allesamt pflichtbewusst über ihre allesamt passiven und lustlosen Gattinnen und die „leichten Mädchen“ tun Dinge, von denen eine „gute Ehefrau nichts wissen sollte“. Letzteres scheint ein mundgemaltes Bild zu sein, das hier gezeichnet wird.
Dann ist da noch der Hofverwalter des bösen Gegenspielers des Heldenstrahleritters, der die Frauen brutal und grob zu Dingen zwingt, die diesen nicht gefallen. Gut, vielleicht hat er keinen Tumor im Kopf, der seine Sexualität unnatürlich übersteigert, sondern wurde von dem bösen Gegenspieler des Heldenstrahleritters in einem umfassenden und langwierigen Auswahlverfahren wegen seiner Grausamkeit eingestellt…
Zusammenfassung:
- Die „Bösen“ sind nicht nur einfach böse, sondern haben ein schwerst gestörtes Sexualverhalten, das – zum Glück!!! – gar nicht so häufig vorkommt, wie es manchmal scheint, wenn man solche Bücher liest. Und eben weil das nicht der Realität entspricht, bleibt dieses Thema außen vor.
- Die „normalen“ Männer sind lust- und phantasielos wälzende Ehemänner, die nur als Ehebrecher Spaß an der Sache haben. Die „normalen“ Frauen (also alle, die nicht gegen ihren Willen genommen werden und keine „leichten Mädchen“ sind) haben grundsätzlich keinen Spaß und ihre Leidenschaft erschöpft sich in der Missionarsstellung unterhalb des wälzenden Mannes.
- Die „Guten“ sind treu und/ oder keusch, zärtlich, zurückhaltend und möchten daher den Rest der männlichen Bevölkerung am liebsten abschlachten, schon rein aus Ehre und Pflichtgefühl. Sie haben Blümchensex ebenfalls in der Missionarsstellung, denn alles andere verbietet sicherlich die Kirche (so war das ja damals).
...Puh...
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Guido Mittwoch, Februar 01, 2012 01:30 PM
Falls ich da falsch tippe, geb ich dem von Dir beobachteten Trend in der heutigen Massenware Literatur recht.
Dina Mittwoch, Februar 01, 2012 03:13 PM
Und ich glaube, die Richtung zur Art des Romans stimmt.
Oliver Donnerstag, Februar 02, 2012 04:47 PM
Dina Freitag, Februar 03, 2012 03:36 PM
Und ich möchte hinzufügen, dass es sich, da das Mittelalter ja nun ein paar Tage her ist, wohl eher im die "*vermutete* Wahrnehmung der gefühlten Zustände" handeln könnte. Hm..., das hieße, es ist die Wahrnehmung auschließlich der Protagonistin. Könnte es so einfach sein?
...*ups*, jetzt habe ich eins deiner Labels einer deiner Richtungen zugeordnet...