Dinas Tagebuch

Nicht mal Fliegen ist schöner....

*urhg* oder: Ich jetzt auch

Untertitel: Von der Kunst, keine Kunst und kein Künstler zu sein. Oder: Von logischen Fehlschlüssen und Scheinargumenten. Worum es in dieser Diskussion nicht gehen sollte (ohne Anspruch auf Vollständigkeit)

Die Frage nach Sinnn, Zweck und aktueller Relevanz des Urheberrechtgesetzes (UrhG) lässt mich nicht los. Daher mal ein Versuch, die Argumente ein wenig zu sortieren, ohne eine Seite anzugreifen, oder bereits Position zu beziehen.

Dieser Beitrag ist ausdrücklich "frei":

Creative Commons Lizenzvertrag
und steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz

1) Die "Produkte" die sich im weitesten Sinne unter dem UrhG subsummieren, sind sowohl in ihren Inhalten als auch in ihrer Darreichungsform inzwischen so heterogen, dass durchaus die Frage gestellt werden muss, ob das noch zeitgemäß/ sinnvoll ist. Genau die Frage, wie es um einen Software-Quellcode oder ein privates Blog bestellt ist, haben dazu geführt haben, dass jetzt diskutiert wird.

Fällt ein Werbetext unter UrhG? Ist die Übernahme durch die beauftragende Firma dann ein Total-Buyout? Würde man das so sagen? Wo ist jetzt genau der Unterschied zwischen dem Briefing durch eine Firma, die einen Werbeflyer haben will und dem Briefing der Tageszeitung, die zum freien Journalisten sagt: "Schreib mir was zu dem Thema und ich kauf dir das ab und kann damit machen, was ich will?"

Was passiert, wenn ein Autor einen Text "gemeinfrei" auf seine Seite stellt, den ein anderer übernimmt und dann damit Geld verdient, ohne auf die Quelle zu referenzieren? Darf der das? Sollte er das dürfen? Sollte der Autor ihm das im Nachhinein verbieten dürfen?

Das sind aktuelle Fragen und es gibt darauf keine schnellen Antworten. Es sind aber nur zwei winzige Beispiele ohne echte Konsequenzen, die vielleicht schon zeigen, dass eine Anpassung nötig geworden ist.


Andere Argumente sind dagegen Scheingefechte:

2) Indem die Frage gestellt wird, was "schützenswert" ist, wird darüber diskutiert, was Kunst/ ein Kunstprodukt überhaupt ist. Ganz gleich, wie man zu Dieter Bohlens Lieder und Büchern, zu Grass' aktuellen Gedicht, zum privaten Blog oder Podcast, dem Artikel in der Zeit oder in der Bild, der Kleinband bei MySpace oder Madonna, van Goghs Sonnenblumen oder Beuys' Fettecke steht: Sie fallen alle unter ein und dasselbe Urheberrecht (z.T. mit zusätzlichen internationalen Regelungen).
Indem Unterteilungen wie Mainstream/ Massenware vs Exotik/ Besonderheit aufgemacht oder Fragen nach Qualität gestellt werden, sprechen einige Gruppen manchen Kunstprodukten ihre Daseinsberechtigung (und Recht auf Inanspruchnahme des UrhG) ab. Da ab irgendeinem Punkt immer der persönliche Geschmack hinzu kommt, ist es kaum möglich, hier zu einer zufriedenstellenden Einigung zu kommen.

Dem liegt überdies ein logischer Fehlschluss zugrunde, den man Falsche Fährte nennt: "Das Urheberrecht schützt auch vieles, was nicht schützenswert ist und deshalb muss es verändert werden."


3) Hinzu kommen unzulässige Vergleiche (Falsche Analogien) mit Software, handwerklichen Produkten, Erfindungen (und Erdbeeren - nein, kein Witz). Diese Vergleiche tragen alle ab irgendeinem Punkt nicht mehr. Es ist nicht das gleiche, einen Quellcode zur Verfügung zu stellen, mit dem andere Software entwickeln dürfen. Der Vergleich müsste hier lauten, dass Herr Alphabet uns Buchstaben zur Verfügung stellt, oder Frau Tonleiter Noten. Daraus machen wir dann Geschichten und Musik. Die handwerklichen Produkte sind alle klar definiert, das ist bei "Geistigem" nicht unmöglich, aber deutlich schwieriger. Eventuell kann man über das Design reden, das sich wiederum durchaus schützen lässt. Da wird es aber genauso schwer, wie beim "Geistigen", daher lassen wir das lieber wieder. Über Erdbeeren schweige ich.
Zusätzlich gibt es "Mischgruppen", bei denen dann das Medium eine Rolle spielt Papierbuch vs Ebook u.ä.



4) Die Frage, ob ein Künstler/ Kreativer, der von seinen Kunstprodukten leben kann/ will, überhaupt ein Künstler/ Kreativer ist. Einige Gruppen sprechen solchen Künstlern ihre Daseinsberechtigung als Künstler ab. Das ist a) der logische Fehlschluss "Kein echter Schotte" (oder auch Non Sequitur: "Ein wahrer Künstler arbeitet aus Überzeugung, sonst ist er kein Künstler") und b) absurd, denn ohne eine Einigung in 1) und 2) kann diese Frage nicht beantwortet werden. Egal, wie sich diejenige schimpft, die etwas produziert, ob sie es mit Herzblut und aus purer Leidenschaft tut oder "nur für's Geld" und vor allem: Wenn sie selbst es der Allgemeinheit oder sonst wem zur Verfügung stellt: zunächst steht es unter dem Urheberrecht.


5) Von Pappkameraden (Falsche/ Verkürzte Darstellung eines Argumentes der Gegenseite) und Falschen Dilemmata ("Das Urheberrecht wird beibehalten oder abgeschafft." "Du kannst nur dafür oder dagegen sein.") abgesehen eine kunterbunte Sammlung weiterer logischer Fehlschlüsse, um hier mal einige zu nennen:

Vergifteter Brunnen (Argumentum ad hominem): "Was Verwerter sagen, hat sowieso keinen Wert. Die wollen nur ausbeuten und Geld verdienen." und "Was Piraten sagen, hat sowieso keinen Wert. Die wollen alles umsonst." ("Künstler" sind ohnehin schon diskreditiert)

Traditionsargument/ Argument des Althergebrachten: "Bevor es das Urheberrecht gab, hat es auch Kunst gegeben."

Argument der unerwünschten Konsequenz: "Aus der Änderung/ Aufgabe des Urheberrechts folgt, dass es keine Kunst mehr geben wird." oder "…nur noch Castingshows und RTL II Niveau geben wird." oder noch besser "…die diesen Namen verdient." (Wahre Kunst ist so selten wie echte Schotten)

Eigentlich fehlt nur noch die "Nazi-Karte". Hat denn noch niemand herausgefunden, ob die Nazis das Urheberrecht ganz, ganz toll gefunden haben? (= Falsche Verallgemeinerung/ Reductio ad Hitlerum)

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Wo stehe ich nun in dem ganzen Schlamassel?

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Kommentare:

Matt Mittwoch 11. April 2012, 15:46

Danke für die Verlinkung, Dina! Du hast interessanterweise ein Thema aufgegriffen, über das ich bei Weißes Rauschen auch noch schreiben werde. Und ich denke, da komme ich zu einem sehr ähnlichen Schluss. Ich hoffe, dass die Diskussion weiter so sachlich, fruchtbar und respektvoll bleibt!

Dina Mittwoch 11. April 2012, 16:07

Vielen Dank!
Da ich ca. 25 heimliche Leser habe und gern weitere teilhaben lasse, fühl' dich ausdrücklich frei, hier zu kopieren, aufzugreifen, weiterzuführen, zu remixen ;-)
LG Dina
(die bei euch mit Diana unterschreibt, warum weiß sie selbst nicht so genau...)

Matt Mittwoch 11. April 2012, 16:33

Werde in dem entsprechenden Artikel auf jeden Fall zurückverlinken! Und für eine CC-Lizenzierung meiner künftigen Postings habe ich mich auch schon entschieden.

Sven Donnerstag 12. April 2012, 21:16

Auch wenn die Vergleiche irgendwann hinken mögen, finde ich die Aufhebung der Unterscheidung "künstlerische Produkte" und "andere Produkte" für die Diskussion zunächst sehr sinnvoll.

Der Ausgangspunkt meiner eigenen Überlegungen ist, dass derjenige, der seine Zeit und Arbeit investiert, um etwas zu schaffen, entscheiden kann, was damit geschehen soll. Er kann es für sich behalten, verschenken oder verkaufen. Er kann auch Verträge eingehen, in denen er seine Rechte an dem Werk - ganz oder teilweise - abtritt. Das kann er auch im vornherein tun - in meinem Arbeitsvertrag verpflichtete ich mich, in vorgegebenem Rahmen für meinen Arbeitgeber tätig zu sein, und ihm gehört das, was ich im Rahmen dessen erzeuge - ob es sich dabei um einen Text, ein Design, ein Computerprogramm, einen Prozessablauf, eine Produktstrategie oder ein materielles Gut handelt (wobei ich mich schwer tun würde).

Ob etwas davon "Kunst" ist, hängt von der Definition von "Kunst" ab, ist aber m.E. vollkommen unerheblich. Genauso unerheblich ist es, ob meine Produkte einem irgendwie gearteten anderen "objektiven" Qualitätskriterium entsprechen - solange nur mein Arbeitgeber damit zufrieden ist, bekomme ich die vereinbarte Entlohnung. Auch gibt es Produkte, die mein Arbeitgeber nicht so toll findet, von denen ich persönlich aber begeistert bin, weil sie einer bestimmten Adressatengruppe zusagen, die mir wichtig ist - und dann ist mit die geringere monetäre Entlohnung auch gleich. Ob ich das alles im Gesamtzusammenhang als fair und angemessen empfinde, liegt an mir und meiner Entscheidung.

Um diesen Gedanken herum kann man Urheberrechte, Nutzungsinstitutionen, Werkverträge, Auftragsarbeiten, etc. bauen. Dies geschah, und es war kein so großes Problem, da die Produktflüsse recht überschaubar waren.

Das aktuelle Problem besteht darin, dass im Gegensatz zu vielen materiellen "Produkten" sogenannte (aber unzureichend definierte) "geistige" und meistenteils "künstlerische" Produkte dank moderner Technologie und des Internets viel leichter zu kopieren, vervielfältigen und verbreiten sind als früher: Texte (Artikel, Bücher), Bilder (Zeichnungen, Photos), Filme, Musik. Hinzu kommt für mich durchaus auch Software. Kurzum: Alle Produkte, die sich digitalisieren lassen oder ohnehin in digitaler Form existieren.

Diese sind nun leicht zu vervielfältigen, und kein Rüstungswettlauf zwischen Kopierschützern und Kopierschutzcrackern hat das bisher geändert oder wird in der Lage sein, das auf Dauer zu ändern. Und: Dieses Problem ist vom Grundsatz ein globales. Früher war es für nationale Regelungen einfacher, gewisse Regelungen zu erlassen und (zumindest ansatzweise) durchzusetzen. Heute stoßen nationale Regelungen in diesem Bereich sogleich an internationale Grenzen, sei es rein rechtlich oder rein praktisch.

Das Problem ist nicht das Urheberrecht - es soll und muss erhalten bleiben. Wir müssen nur ("nur"!) einen Weg finden, den Urhebern ihr Recht auch in der "neuen Welt" zu sichern, ohne bürokratische Monstren aufzubauen. Es geht nicht um eine Umsonstkultur - es geht um die Anpassung unserer Regeln zur Umsetzung eines demokratischen und individualistischen Ideals an neue Gegebenheiten.

Dina Dienstag 17. April 2012, 14:35

Schön gesagt, Sven :-)
Ich wünsche mir im Grund nur, dass diejenigen, die neue (und zum Teil interessante) Vorschläge machen, auch genau hinsehen, welche Strukturen und Systeme erhaltenswert sein könnten und dass zumindest darüber gesprochen wird. Auch wenn die Forderung nach "Abschaffung des Urheberrechtes" inzwischen getrost als Netz-Hoax bezeichnet werden kann, muten mir einige Äußerungen zu sehr "Rasenmäher" an. Meiner Meinung nach dürfen auch Verwerter mitmachen und Geld verdienen, es ist nicht notwendig, denen den Markt wegnehmen zu wollen.
Wie du sagst, der Autor sollte das entscheiden, mindestens genauso wie heute (Pflicht), gerne auch noch mehr (Kür).

Dina Mittwoch 25. April 2012, 15:30

Juchhu, und das ist sie die "Nazi-Karte" (Falsche Verallgemeinerung/ Reductio ad Hitlerum): Die Nazis fanden das Urheberrecht ganz, ganz DOOF:

„Wo immer die Interessen des Volkes mit denen des Urhebers kollidierten, sollten letztere zurücktreten. Zwar sollte der Urheber von der Verwertung seines Werkes weiterhin profitieren. Aber er hatte bei der materiellen Verwertung seiner schöpferischen Leistung stets die natürlichen Grenzen zu beachten, die ihm durch seine ideelle Verbindung mit der Volksgemeinschaft gezogen wurden.“

Quelle: Das Reichsgericht, das Urheberrecht und das Parteiprogramm der NSDAP. Von Dipl.-Jur. (Univ.) Simon Apel, Bayreuth in Zeitschrift für das Juristische Studium.

P.S. Dieser Vergleich ist an sich noch keine "Nazi-Karte". Aber er könnte jetzt als solcher verwendet werden.

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